Freitag, 6. Mai 2016

Es wird nicht mehr, wie's früher auch nicht war

Keine Aussage hat mich in den vergangenen Wochen so beeindruckt wie eine von Georg Bürstmayr (in "Kreuz & quer", 29.3.), die sinngemäß lautete: Wir verlangen von den ankommenden Geflüchteten, sie mögen sich in "unser" System integrieren – in unserer Vorstellung ist dies allerdings das System, das unsere Gesellschaft vor etwa 20 Jahren prägte und so die heile Welt des Westens in den 80er- und 90er-Jahren erschuf. Wir übersehen, dass sich das System seither verändert hat, unter anderem aufgrund der wirtschaftlichen Globalisierung, der Mediatisierung der Gesellschaft, aufgrund von Ereignissen wie 9/11 und der Finanzkrise ab 2007.

Was sich in der Welt tut, ist unübersichtlicher und gleichzeitig dem Anschein nach unmittelbarer geworden. Die Prozesse mögen heute komplexer sein, vielleicht wirkt es aber auch nur so, weil wir mehr über sie wissen. Mehr Information und Transparenz sind positive, ermächtigende Entwicklungen, denn sie haben das Potenzial, Menschen dazu zu bringen, den Lauf der Dinge zu hinterfragen, und schenken ihnen Selbstverantwortung. Die Kehrseite: Damit verunsichern und belasten diese Entwicklungen die Menschen auch.

Man weiß heute viel mehr um lauernde Gefahren und versucht deshalb "Sicherheitsvorkehrungen" zu treffen: beim Security-Check vorm Einsteigen ins Flugzeug, mittels Allergenhinweisen in Speisekarten, "Schock-Bildern" auf Zigarettenschachteln oder mit der "politischen Korrektheit" im Sprachgebrauch. Solche Vorkehrungen steigern zwar kurzfristig unser Sicherheitsgefühl, suggerieren aber insgesamt Verunsicherung: Denn was ist denn bitte mit den vielen (noch) ungeregelten Lebensbereichen? Sie alle stehen plötzlich unter dem Generalverdacht uns zu gefährden.

Die unangenehme Nachricht lautet also: Es wird nicht mehr, wie's früher auch nicht war (selbst wenn die FPÖ das verspricht). Wir hatten nur den Eindruck einer heilen Welt, weil unsere Fernsicht nicht gut war – mangels Information über und Transparenz von politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Prozessen. Dass es die jetzt (vermehrt) gibt, macht die Welt ein kleines Bisschen besser, aber das Leben darin nicht einfacher.

Populistische Politik (egal welcher Partei) gaukelt uns vor, es gäbe ein Zurück in die vermeintlich heile Welt; sie erhält die Lüge am Leben, ob bewusst oder aus Unwissen. In Österreich trifft diese Lebenslüge auf einen nationalen Gründungsmythos, tu felix Austria, der bemüht und durch Repetition in Worten und mittlerweile Taten immer wieder bekräftigt wird: durch Mikl-Leitners "Festung Europa", in der sich Österreich dann immer noch als kleinen, feinen Bio-Spa-Wohlfühlbezirk sähe; durch die Kontrolle des Brennerpasses usw. Zu gerne besänftigt man sich mit der Vorstellung: Könnten wir uns nur wieder abkapseln, uns auf unsere "Insel der Seligen" zurückziehen, diese hegen und pflegen, würde alles wieder gut werden! Kein Chlorhuhn, nie wieder eine Vergewaltigung in Wien oder ein Bettler am Treppenabsatz der U-Bahnstation. Wer's glaubt...

Aber Österreich lässt sich von internationalen Prozessen, die unter anderem zu solchen Ergebnissen führen, nicht abschotten. Wir können uns nur umschauen und überlegen, wie wir Phänomenen wie diesen begegnen wollen: ob mit einer Offenheit, die vielleicht auch zur Kritik des eigenen Standpunktes führt, oder mit Misstrauen und Rückzug genau darauf. Ich wähle ersteres.

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