Dienstag, 27. Oktober 2015

Am vergangenen Wochenende war ich in Brezice, um jemanden des dortigen Hilfsteams zu "besuchen" – und auch, um mir von der Lage vor Ort (wenngleich nur soweit von außen einsichtig, das Auffanglager ist abgesperrt) mit eigenen Augen ein Bild zu machen. Dazu folgende Gedanken:
  • Verwöhnt oder belästigt von der allgegenwärtigen Zugänglichkeit vielfältiger Nachrichten, vergessen wir zunehmend, dass das von den Medien gezeichnete Bild immer ein gefiltertes ist. Massenmedien und Social Media suggerieren uns, umfassend informiert zu sein. Selbst wo hinzugehen und uns etwas anzuschauen, sich von Angesicht zu Angesicht mit unangenehmen Realitäten zu konfrontieren, kommt uns unnötig vor. Dabei: Je polarisierender ein Thema ist, umso unmöglicher wird eine "objektive" Berichterstattung für jeden Journalisten, jedes Medium – und umso überraschender ist oft das Fazit, das man zieht, hat man sich am eigenen Leib damit auseinandergesetzt.
  • In den audiovisuellen Medien gezeigte Bilder sind weitaus effektiver als Zahlen oder Daten. Dabei ist der gewählte Bildausschnitt höchst relevant: Sehen wir im Fernsehen immer nur einen "Strom" von marschierenden Flüchtlingen, glauben wir, es ist ein nicht abreißender "Strom", der sich seinen Weg Richtung Deutschland bahnt. Dass der "Strom" sehr wohl abreißt, wird nicht gezeigt – denn wie soll man das in Bilder fassen? Ein leeres Feld als Symbol für die Abwesenheit des "Stromes" zeigen? So funktioniert Fernsehen nicht.
  • In Situationen wie derzeit in Brezice oder Spielberg verbreiten sich Gerüchte, positive wie negative, schnell – kaum vom einen ausgesprochen, erzählt sie die andere schon als vermeintliches Faktum weiter. Dabei weiß man nie, von wem sie stammen, warum sie vielleicht gestreut werden, um die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken – zum Beispiel auch mittels Fotomontagen. Deshalb ist jede Quelle und ihre Interessen zu hinterfragen.
  • Der Grundsatz, auf den jeglicher Umgang, auch berichterstattender, aufbaut, könnte sein: Den Menschen, die da kommen, ist menschlich zu begegnen. Das schlösse auch ein "Im Zweifel für den Angeklagten" ein. Die brennenden Zelte vergangene Woche in Brezice als von den Flüchtlingen in Brand gesteckt darzustellen ist unzulässig, weil es sich dabei um bloße Gerüchte (siehe oben) handelte und – sieht man die Zustände vor Ort – sich plausibel vorstellen kann: Den Menschen dort war kalt und ihr "Lagerfeuer" hat auf die Zelte übergegriffen.