Donnerstag, 6. August 2015

"Nochamal: Mein Gegenüber ist inkompetent"

Mit Frank Stronachs Einstieg in die österreichische Bundespolitik 2012, vielleicht aber auch schon davor, hat sich das Wörtchen "nocheinmal" in Interviews eingebürgert. Der Dreisilber ist suspekt. Denn mit seiner Hilfe schafft es der Befragte im Nu, den (journalistisch) Fragenden zu diskreditieren, suggeriert er doch: "Der Interviewer ist – à la 'Lernen S' Geschichte, Herr Redakteur' – einfach zu blöd, dem muss man alles zwei Mal erklären."

Geben Politiker heute Interviews, ist deren Informationsgehalt häufig nebensächlich. Stattdessen werden Rollen gespielt und Register gezogen, die dem Publikum viel eher Gefühle vermitteln als Inhalte. Die Leistung der Sprache, Verständnis herzustellen – was dem Wortsinn von Kommunikation entspräche: communicare (lat.) heißt mit jemandem etwas teilen oder jemandem etwas mitteilen – scheint wenig wichtig. Stattdessen geht es darum sich selbst (vor Publikum) möglichst gut darzustellen.

Das lässt sich kommunikationswissenschaftlich (vgl. Burkart 1998: 27f) analysieren. Passiert doch "kommunikatives Handeln" immer auf zwei Ebenen:
  • Die allgemeine Intention (die Mitteilung) zielt auf Verständigung ab.
  • Gleichzeitig zielt eine spezielle Intention (ein Interesse) auf die Verwirklichung dieses Interesses ab.
Als Beispiel nennt Burkart den Satz "Monika, bitte schließ das Fenster": Allgemein will der Sprecher sich mit Monika verständigen, aber er hat ein spezielles Interesse – "die störende Zugluft beseitigen zu wollen". Auf diese Art und Weise wird die Sprache instrumentalisiert, was für sie auch völlig normal ist. 

Im Fall von "nocheinmal" ist allerdings Folgendes kritisch: Wer "nocheinmal" sagt, versucht selten seinem Gegenüber den Inhalt erneut z. B. in anderen Worten zu erklären, um seinen Standpunkt deutlicher zu machen mit dem Ziel sich konstruktiv zu verständigen*. Viel eher verwendet er oder sie die Sprache zu einem manipulativen Zweck: Es wird suggeriert, dass das Gegenüber inkompetent sei/nicht verstehe/etc. und deshalb müsse man sich wiederholen. Diese Suggestion kommt auch bei jenen an, die wenig vom Inhalt der Unterhaltung verstehen oder mitbekommen.

Das Wort "nocheinmal" ist ein Signal, das – in Burkarts Sinn – in erster Linie einer Interessensverwirklichung dient (und nicht der Verständigung). Es suggeriert dem Publikum: Ich bin der Stärkere in diesem Gespräch. Das tun auch andere Signalwörter oder -phrasen. Zum Beispiel: Wird im Rahmen eines Interviews eine kritische Frage gestellt, sagt der Politiker darauf: "Das kann ich absolut konsequent und aufs Schärfste zurückweisend ausschließen". Warum sagt er nicht einfach "Das stimmt nicht"?
  1. Weil: "Obwohl die meisten Menschen glauben, sie seien denkende Geschöpfe, die fühlen, sind wir biologisch gesehen fühlende Kreaturen, die denken" (Taylor 2010: 30). Entsprechend haben wir ein sehr feines Gespür, was die sozialen Aktionen und Reaktionen unserer Mitmenschen angeht. Bleibt jemand trotz angriffiger Fragen ruhig und gefasst, kommt beim Publikum jedenfalls an: Der Angegriffene hat auf die Frage so reagiert als wäre der Angriff völlig aus der Luft gegriffen. Die Menschen bemerken viel stärker, ob jemand unsicher ist, als ob er eine Frage inhaltlich beantwortet (was mancher Interviewer zum Anlass nimmt, explizit auf die Nichtbeantwortung hinzuweisen, siehe z. B. hier Armin Wolf und Maria Fekter).
  2. Unterstützend wirkt hier eine bildhafte, bodenständige, personalisierte und klare Sprache, Formulierungen à la "für XY lege ich die Hand ins Feuer", "die Sache ist gegessen", "Schmutzkübelkampagne", "Trostpflaster" etc. Mit ausreichend affirmativen, also bestärkenden Worten lassen sich auch Unwahrheiten beglaubigen.
  3. Die menschliche Aufmerksamkeitsspanne, über die hinweg Information portionsweise erfasst werden kann, ist nur wenige Sekunden lang. Deshalb lernen Journalisten, ihre Sätze kurz zu halten. Politiker lernen, sie richtig zu formulieren: Da kommt das Wichtige zu Beginn.
Diese Aufzählung an Kritikpunkten ist bestimmt erweiterbar. Ich möchte damit zum Beobachten und Denken anregen. Und stelle die Hypothese auf: Gingen Politiker (und auch Journalisten) verantwortungsbewusster mit Sprache um und erklärten öfter "Verständigung" zum Ziel ihrer Unterhaltung, gewännen politische Debatten an Inhalt – was sich in der Folge positiv auf die Politikverdrossenheit auswirkte, aber das ist dann schon die nächste Hypothese.

* "Sich konstruktiv verständigen" schließt übrigens Konfrontation und Kontroverse keinesfalls aus – dabei geht es schließlich häufig um das Abgrenzen voneinander und das Verhandeln von Positionen, weit entfernt von Friede-Freude-Eierkuchen-Diskussionen. Eines aber ist dazu nötig: ein Eingehen aufeinander, d. h. etwa Argumente des anderen ernstzunehmen und miteinzubeziehen etc.

Quellen:
  • Burkart, Roland, 1998: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Wien: Böhlau.
  • Taylor, Jill B., 2010: Mit einem Schlag. München: Knaur.

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