Donnerstag, 2. Juli 2015

Wir Trockennasenaffen

In Diskussionen on- und offline sehe ich mich derzeit mit allerhand Migrationsmythen konfrontiert, etwa: Flüchtlinge kämen heute in nie dagewesenen Massen nach Europa, sich drückend vor Zuständen wie sie unsere Ur-/Groß-/Eltern im Nachkriegsösterreich auch geduldig ertragen hätten. Sie kämen und würden – Stichwort Kopftuch/Schächten/Minarett/etc. – "uns" "ihre" Kultur aufzwingen.

Ich habe mittlerweile schon Schwierigkeiten damit, derartige Äußerungen zu ertragen, geschweige denn geduldig. Warum? Betrachten wir den Menschen einmal als das, was er ist: ein Säugetier, Unterordnung Trockennasenaffe. Hans Jonas lädt uns ein, zu erkennen, dass die Mobilität, die Möglichkeit zur Bewegung, das ist, was Tier von Pflanze unterscheidet. Letztere muss permanent gespeist werden wovon sie lebt (sonst lebt sie bald nicht mehr), während wir uns auf die Suche danach begeben.

Das hat einen Vor- und einen Nachteil:
  • Wir haben die Wahl: Verschiedene Optionen der Lebensführung bieten sich an.
  • Gleichzeitig haben wir die Qual: Den richtigen Weg zu finden ist mit (lebensbedrohlichen) Risiken verbunden.
In der Ökonomie wird eine solche Situation "Zielkonflikt" genannt. Ideal wäre, die beiden gegenläufigen Einflüsse auszubalancieren: größtmöglicher Nutzen bei kleinstmöglichem Aufwand. An diesem Ideal bin ich – gemeinsam mit sehr vielen, die in ein friedliches Wohlstandseuropa geboren wurden – nahe dran: Wir sind in erster Linie mit den vielen Optionen beschäftigt, die uns das Leben bietet, z. B. kaufe ich laktosefreies oder nicht-laktosefreies Joghurt? Viele der rund 7,3 Milliarden Menschen, die diesen Planeten derzeit bewohnen, sind das weniger.

Sie müssen sich genau überlegen, was sie wofür aufs Spiel setzen, für sie steht das Risiko im Vordergrund – derzeit. Denn dieser Status ist nicht stabil: Ich könnte morgen lebensbedrohlich erkranken und meine Optionen würden sich stark verringern. Ein schwerer Unfall in einem der 131 Atomkraftwerke in Europa könnte den Kontinent unbewohnbar machen; die Flüchtlinge wären dann wir.

In jeder Situation gilt es einen Zielkonflikt abzuwägen: Zahlt es sich aus zu bleiben oder riskiere ich meine Existenz und ziehe fort? Die Ur-/Groß-/Eltern derer, mit denen ich nun spreche, haben sich offenbar für ersteres entschieden. Allerdings gab es auch 1,7 Mio. Österreicher, die Europa um 1900 Richtung Nordamerika verließen. Ihre Nachkommen könnten mir heute vielleicht erzählen, wie viel besser der Neubeginn in den USA oder Kanada war; sie sind nur nicht greifbar.

Die Entscheidung zu migrieren trifft jedes Individuum für sich. Und diese Entscheidung ist vielleicht weniger in der Religion*, Kultur** oder Nationalität*** eines Menschen begründet, als in seiner Biologie. Also kann sich jeder von uns Trockennasenaffen überlegen, wie er/sie reagieren würde, wäre die Zukunft im eigenen Lebensraum ungewiss.


* Dieser Vorwurf steckt im Vorurteil "Die Islamisierung Europas steht unmittelbar bevor!", doch kommen keine Missionare.
** Dieser Vorwurf steckt im Vorurteil "Die werden uns 'übervölkern'!", doch ist die Bevölkerungsgruppe, die den meisten Nachwuchs bekommt, die österreichische Bauernschaft.
*** Dieser Vorwurf steckt im Vorurteil "Die sind alle Vaterlandsverräter, weil sie nicht wie wir Trümmerfrauenkinder ihrem Land treu bleiben!", doch wird heute Menschen weltweit medial ein (westlicher) Lebensstil präsentiert, der für sie zum Symbol von Freiheit und Wohlstand wird und den sie deshalb für erstrebenswert halten.


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