Donnerstag, 23. Juli 2015

Wenn Österreich gemanagt würde

Warum nicht einmal den Staat als Unternehmen denken? Wir wären die Mitarbeiter in diesem Betrieb, die Politiker wären seine Manager, die die Geschäfte führen und das Unternehmen strategisch lenken. Angenommen, dieser Betrieb hätte – eines Tages – neue Mitarbeiter fremder Herkunft zu integrieren, zum Beispiel, weil der Mutterkonzern sie "zu uns" versetzt oder das Unternehmen einen neuen Standort anderswo eröffnet. Wie würde die Unternehmensführung reagieren?

Sie würde alle von der Zusammenführung betroffenen Mitarbeiter oder jedenfalls deren Abteilungsleiter in Kurse für interkulturelle Kompetenz schicken. Sie müsste ein offenes Ohr für die Probleme, Konflikte und Zweifel haben, die höchstwahrscheinlich auftauchen oder die Mitarbeiter plagen – die neuen und die alten Kollegen.

Interkulturelle Kompetenz hat dabei weniger mit political correctness zu tun (die als oberflächliches Symptom eines schlechten Gewissens festlegen will, was als "gut" und was als "böse" abzustempeln ist) als mit: Respekt. Der geht darauf zurück, dass man auf den anderen "zurück-blickt", auf ihn Rücksicht nimmt, ihn anschaut. Respekt bringt man einander entgegen, kann ihn also nicht nur vom anderen erwarten, sondern schuldet ihn auch. Und er ist situationsabhängig, man muss sich in jeder Konfrontation neu um ihn bemühen. Um Missverständnisse zu vermeiden, geht es um simple Fragen wie: Was heißt Pünktlichkeit in der jeweiligen Kultur – muss ich zehn Minuten früher da sein oder wird mit meinem Zuspätkommen gerechnet? Wie geht man mit alten Menschen und Kindern um? Schaut man mich in der Mittagspause schief an, wenn ich mich bei Tisch schnäuze? Was ist unter Meinungs- und Pressefreiheit zu verstehen? Welche Formen der Partnerschaft sind gesellschaftlich akzeptiert und was bedeutet die Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Fragen wie diese müssten auf beiden Seiten thematisiert und beantwortet werden. Von wem? Vom Management – bzw. von vom Management engagierten Spezialisten. Diese könnten in Gemeinden Vermittlungsarbeit leisten, dort untergebrachten Migranten erklären, was der Konsens in diesem Land ist, und Einheimischen, aus welchen Umfeldern die Menschen kommen, die hier nun einquartiert sind, welche Traumata und Lasten sie mit sich schleppen – bestenfalls die beiden Gruppen auch zusammenbringen.

Ein solcher Prozess würde weder zu einer "Einheitskultur" führen, noch zu einer "Übervölkerung" oder dazu dass – auch das könnte eine besorgte oder provokante Frage sein – Österreicher Arabisch lernen müssen. Im Idealfall führte es zum besseren Verständnis des Gegenübers, des Anderen, der nun einmal anders ist (und das ist gut so!), zur Aufklärung von Vorurteilen. So wäre ein Zusammenleben und -arbeiten möglich, das dann auch im Unternehmenssinn Früchte trägt. Warum nicht von Willi Resetarits' Integrationshaus lernen? "Vor 21 Jahren haben wir die Bevölkerung rund ums Integrationshaus im Zweiten eingeladen, um ihnen zu erzählen, dass da in einem Jahr Flüchtlinge herkommen. Ein Sturm der Entrüstung ist uns entgegengeschwappt", erinnert sich Resetarits. "Wir haben dagegen geredet, ein Büro eingerichtet und die Leute eingeladen da jederzeit, auch während der Bauzeit, die Ängste zu deponieren. Als dann ein Jahr darauf die ersten Flüchtlinge eingezogen sind, haben es die Leut gar nicht gemerkt. Wie sie es gemerkt haben, haben sie begonnen, Sachen vorbeizubringen und zu helfen."

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