Montag, 2. September 2013

Warum schweigen die traditionsreichen, englischsprachigen Medien zur NSA-Affäre? Aus Neid?

„I personally feel that this is shabby journalism by the Washington Post“: So verunglimpfte Nixon-Sprecher Ron Ziegler in seiner Morgenpressekonferenz vom 25. Oktober 1972 die Arbeit der Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein. Die beiden hatten investigativ zur Watergate-Affäre recherchiert; in der betreffenden Geschichte fanden sich tatsächlich ein paar faktische Fehler, doch bohrten „Woodstein“ in die richtige Richtung.

Beim kürzlichen Wiedersehen der Watergate-Verfilmung All the President's Men (1976) erinnert man sich und stutzt: Da ist also ein Whistleblower, eigentlich oder vormals Teil des Systems, der das unethische Handeln seiner Vorgesetzten zu verachten gelernt hat. Er gibt aufklärerische – das System würde sagen: „verräterische“ – Informationen an ein so genanntes Publikumsmedium weiter. Dieses deckt die Missstände auf und alles wird gut (oder auch nicht).

Lassen sich da nicht Parallelen zum Jetzt ziehen? Verhält sich nicht der Watergate-Informant „Deep Throat“, benannt nach einem damals populären Pornofilm, zu Woodward und zur Washington Post wie Edward Snowden zu Glen Greenwald und zum Guardian, wie Bradley/Chelsea Manning zu Julian Assange und Wikileaks?

Jeff Jarvis fragte sich vor kurzem, warum die traditionellen angelsächsischen Medien so stur zur NSA-Affäre schweigen. David Carr hatte vergangenen Sonntag in der Online-Ausgabe der New York Times eine Antwort darauf: weil sie neidisch sind. Denn während die traditionellen Medien sich häufig als „Vierte Gewalt“ bezeichnen, würden die Herren Greenwald und Assange eine „Fünfte Gewalt“ darstellen, die sich aus Enthüllern, Aktivisten, Bloggern zusammensetzt. Hätten Time, CNN oder die New York Times die jüngsten Recherchen angeführt, würden in den dortigen Redaktionen bereits Regale montiert, für all die zu erwartenden Auszeichnungen.

Die Pulitzer-Preisträger Woodward und Bernstein werden noch heute in der US-Journalistenszene als Nationalheilige betrachtet. Die Kategorie aber, die sie repräsentieren, muss neu gedacht werden; auch Greenwald und Assange gehören ganz natürlich zur Vierten Gewalt. Sie sind ihre neuen Vertreter. Und sie sind umso nötiger, je stärker traditionelle Kritiker sich institutionalisieren (lassen), je näher diese dem Establishment rücken.


Nachtrag: In Gedanken noch bei dem Branchenkonflikt, blickt man nach Österreich und wähnt sich bei den Schildbürgern: Wie die Presse am Mittwoch vom Forum Alpbach berichtete, schlug Manfred Matzka, Sektionschef im Bundeskanzleramt, dort vor, man könnte mit dem Amtsgeheimnis doch auch gleich das Redaktionsgeheimnis abschaffen...

Dieser Blogpost wurde ursprünglich am 30. August 2013 auf mhw.at veröffentlicht. 

Dienstag, 27. August 2013

Während wir schliefen: #Morales #Snowden #VIE

Kann die Twitter-Berichterstattung über den Morales-Zwischenstopp in Wien als Metapher für die gegenwärtige Journalismusdebatte herangezogen werden?
Mittwochfrüh und das Ö1-Morgenjournal verpasst. Erst ein Blick in die Twitter-Timeline (und der kollegiale Hinweis darauf) bringt mich auf den Stand der Dinge bezüglich Evo Morales, Edward Snowden und den Flughafen Wien – in erster Linie dank der Tweets von Tanja Malle @scharlatanja und Olivera Stajic @OliveraStajic.

Und schon taucht die Frage auf: Ist diese „reine“ Übertragung von Information („federal president of austria fischer is at #vie“ oder „crew is sleeping“) schon Journalismus?

Ja. Weil: Journalismus ist ein relationaler Begriff. Hier wie auch bei Fußball-Ergebnissen geht es um die brandaktuelle Übertragung von Informationen – wenngleich sie möglicherweise für die Mehrheit der (österreichischen) Bevölkerung irrelevant sind. Es gilt die Definition des US-Journalismusprofessors Jeff Jarvis: „Journalism helps communities organize their knowledge so they can better organize themselves.“

Heute haben Malle, Stajic und andere, die vor Ort waren, dies gemacht, und zwar für eine community, ein "Publikum" oder eine Zielgruppe in Jarvis‘ Sinn: für all diejenigen, die zwecks Contentproduktion in einem Medienunternehmen beschäftigt sind, oder anderswie Interessierte. Darunter auch der britische Guardian, der sich für seinen Live-Ticker auch auf Tweets der beiden Österreicherinnen verließ.

Natürlich mag es für die Verifizierung der entsandten Twitter-Meldungen dort einfacher gewesen sein, dass Malle eine ORF-Mitarbeiterin, Stajic eine leitende Redakteurin des Standard ist. Wie soll denn ein Guardian-Redakteur in London beurteilen, ob die Stimmen aus Wien glaubwürdig und authentisch sind? Er muss sich wohl auf zeitungseigene Kontakte verlassen; dass die beiden Journalistinnen in ihrem Twitter-Kurzprofil seriöse österreichische Medien als Arbeitgeber erwähnen, hilft bestimmt. Doch reicht es nicht mehr lange aus.

Es gilt, was Malle sagt: „Journalismus braucht mehr teamwork.“

Dieser Blogpost wurde ursprünglich am 3. Juli 2013 auf mhw.at veröffentlicht.