Freitag, 6. Mai 2016

Es wird nicht mehr, wie's früher auch nicht war

Keine Aussage hat mich in den vergangenen Wochen so beeindruckt wie eine von Georg Bürstmayr (in "Kreuz & quer", 29.3.), die sinngemäß lautete: Wir verlangen von den ankommenden Geflüchteten, sie mögen sich in "unser" System integrieren – in unserer Vorstellung ist dies allerdings das System, das unsere Gesellschaft vor etwa 20 Jahren prägte und so die heile Welt des Westens in den 80er- und 90er-Jahren erschuf. Wir übersehen, dass sich das System seither verändert hat, unter anderem aufgrund der wirtschaftlichen Globalisierung, der Mediatisierung der Gesellschaft, aufgrund von Ereignissen wie 9/11 und der Finanzkrise ab 2007.

Was sich in der Welt tut, ist unübersichtlicher und gleichzeitig dem Anschein nach unmittelbarer geworden. Die Prozesse mögen heute komplexer sein, vielleicht wirkt es aber auch nur so, weil wir mehr über sie wissen. Mehr Information und Transparenz sind positive, ermächtigende Entwicklungen, denn sie haben das Potenzial, Menschen dazu zu bringen, den Lauf der Dinge zu hinterfragen, und schenken ihnen Selbstverantwortung. Die Kehrseite: Damit verunsichern und belasten diese Entwicklungen die Menschen auch.

Man weiß heute viel mehr um lauernde Gefahren und versucht deshalb "Sicherheitsvorkehrungen" zu treffen: beim Security-Check vorm Einsteigen ins Flugzeug, mittels Allergenhinweisen in Speisekarten, "Schock-Bildern" auf Zigarettenschachteln oder mit der "politischen Korrektheit" im Sprachgebrauch. Solche Vorkehrungen steigern zwar kurzfristig unser Sicherheitsgefühl, suggerieren aber insgesamt Verunsicherung: Denn was ist denn bitte mit den vielen (noch) ungeregelten Lebensbereichen? Sie alle stehen plötzlich unter dem Generalverdacht uns zu gefährden.

Die unangenehme Nachricht lautet also: Es wird nicht mehr, wie's früher auch nicht war (selbst wenn die FPÖ das verspricht). Wir hatten nur den Eindruck einer heilen Welt, weil unsere Fernsicht nicht gut war – mangels Information über und Transparenz von politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Prozessen. Dass es die jetzt (vermehrt) gibt, macht die Welt ein kleines Bisschen besser, aber das Leben darin nicht einfacher.

Populistische Politik (egal welcher Partei) gaukelt uns vor, es gäbe ein Zurück in die vermeintlich heile Welt; sie erhält die Lüge am Leben, ob bewusst oder aus Unwissen. In Österreich trifft diese Lebenslüge auf einen nationalen Gründungsmythos, tu felix Austria, der bemüht und durch Repetition in Worten und mittlerweile Taten immer wieder bekräftigt wird: durch Mikl-Leitners "Festung Europa", in der sich Österreich dann immer noch als kleinen, feinen Bio-Spa-Wohlfühlbezirk sähe; durch die Kontrolle des Brennerpasses usw. Zu gerne besänftigt man sich mit der Vorstellung: Könnten wir uns nur wieder abkapseln, uns auf unsere "Insel der Seligen" zurückziehen, diese hegen und pflegen, würde alles wieder gut werden! Kein Chlorhuhn, nie wieder eine Vergewaltigung in Wien oder ein Bettler am Treppenabsatz der U-Bahnstation. Wer's glaubt...

Aber Österreich lässt sich von internationalen Prozessen, die unter anderem zu solchen Ergebnissen führen, nicht abschotten. Wir können uns nur umschauen und überlegen, wie wir Phänomenen wie diesen begegnen wollen: ob mit einer Offenheit, die vielleicht auch zur Kritik des eigenen Standpunktes führt, oder mit Misstrauen und Rückzug genau darauf. Ich wähle ersteres.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

In the Army Now: Die Raubkatze als Nutztier

Sie wirken unnahbar, weil sie so schnell wieder weg sind: Geparde beschleunigen von 0 auf fast 100 km/h in drei Sekunden. Wenn ihnen ebenes Savannen- oder Steppenland zur Verfügung steht, sind die gepunkteten Raubkatzen mit kleinem Kopf und langen Beinen effiziente Jäger. Dieses Geschick macht sich nun die südafrikanische Luftwaffe zu Nutze, wie The Atlantic berichtet: Auf der Militärbasis Makhado, nahe der Grenze zu Zimbabwe, sind seit Anfang Dezember zwei Geparde im Dienst. Sie erlegen Hasen und Warzenschweine, die die Rollbahn frequentieren und somit den Flugverkehr behindern.

Eine Bedienstete haben sie auf dem Gelände zwar schon leicht verletzt, aber immerhin: "Geparde attackieren üblicherweise keine Menschen, weil sie kleinere Beutetiere bevorzugen." Dieses Kriterium machte sie schon vor tausenden Jahren für den Menschen interessant. Nur Hunde haben eine längere gemeinsame Jagdgeschichte mit uns als Geparde. Der älteste archäologisch Nachweis ist ein sumerisches Siegel aus 3000 v. Chr., auf dem "ein angeleinter Gepard, möglicherweise mit einer Haube über dem Kopf, dargestellt ist" (vgl. Marker-Kraus 1997: 28).

Tatsächlich sind sie die Großkatzen, die am einfachsten zu zähmen sind – aber schwierig zu züchten: Vor 1956 war nur ein einziger Wurf in Gefangenschaft aus dem 15. Jahrhundert dokumentiert (ibid.); dann gelang die Nachzucht im Zoo von Philadelphia, die sensiblen Jungen konnten aber nicht aufgezogen werden. Von den Vierlingen der "europäischen Erstgeburt" 1960 im deutschen Zoo Krefeld wurden dann zwei "mit Hilfe einer Katzenamme großgezogen". Bis heute sind "Nachzuchten bei Geparden [...] immer noch eine große Ausnahme".

Jagdgehilfe oder exotisches Haustier

Zu Jagd- wie zu Repräsentationszwecken wurden die Tiere vom Mittelalter über die Renaissance bis in die Gegenwart von Herrschern gehalten (vgl. Marker-Kraus 1997: 28), im zwanzigsten Jahrhundert etwa von Äthiopiens Regenten Haile Selassie. Als exotische Haustiere werden sie auch heute vom afrikanischen Horn in die Golfstaaten geschmuggelt. Neben Trophäenjagden dezimiert dieser illegale Handel die ohnehin bereits kleinen Populationen weiter. Artenschutzprojekte wollen die Gefährdung der schnellsten Landsäugetiere wettmachen.

Geparde zu Hause zu halten finden aber viele reizvoll: Die Schoemans aus Südafrika etwa – das Paar arbeitet als Tiertrainer in einem Reservat – zieht zwei Junggeparde neben ihren Kindern groß (siehe Video aus 2013 unten). Die Tiere werden in den Alltag integriert und umgekehrt wird ihren artspezifischen Bedürfnissen nachgekommen. Allerdings: Wie man ein Beutetier mit einem gezielten Biss in den Nacken tötet, das kann der Mensch dem Gepard nicht zeigen. In freier Wildbahn bleiben die Jungtiere eineinhalb bis zwei Jahre nach der Geburt bei der Mutter, um deren Jagdtechnik zu erlernen. In Österreich ist die private Haltung von Geparden laut §9 der Zweiten Tierhaltungsverordnung verboten.


Wim und Tobie, die beiden Geparde, die derzeit noch ihren Dienst bei der Air Force Südafrika versehen, sind nebenbei Protagonisten eines Artenschutzprogrammes: Nach zwei Jahren auf der Militärbasis kommen die Raubkatzen zurück ins Hoedspruit Endangered Species Centre, das mit diesem Projekt auch beweisen will, dass in Gefangenschaft aufgezogene Geparde fähig sind, nach erneuter Auswilderung für sich selbst zu sorgen.

Literatur
Marker-Kraus, L. (1997): "History of the Cheetah Acinonyx jubatus in zoos 1829-1994". In: International Zoo Yearbook 35: 27-43.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Am vergangenen Wochenende war ich in Brezice, um jemanden des dortigen Hilfsteams zu "besuchen" – und auch, um mir von der Lage vor Ort (wenngleich nur soweit von außen einsichtig, das Auffanglager ist abgesperrt) mit eigenen Augen ein Bild zu machen. Dazu folgende Gedanken:
  • Verwöhnt oder belästigt von der allgegenwärtigen Zugänglichkeit vielfältiger Nachrichten, vergessen wir zunehmend, dass das von den Medien gezeichnete Bild immer ein gefiltertes ist. Massenmedien und Social Media suggerieren uns, umfassend informiert zu sein. Selbst wo hinzugehen und uns etwas anzuschauen, sich von Angesicht zu Angesicht mit unangenehmen Realitäten zu konfrontieren, kommt uns unnötig vor. Dabei: Je polarisierender ein Thema ist, umso unmöglicher wird eine "objektive" Berichterstattung für jeden Journalisten, jedes Medium – und umso überraschender ist oft das Fazit, das man zieht, hat man sich am eigenen Leib damit auseinandergesetzt.
  • In den audiovisuellen Medien gezeigte Bilder sind weitaus effektiver als Zahlen oder Daten. Dabei ist der gewählte Bildausschnitt höchst relevant: Sehen wir im Fernsehen immer nur einen "Strom" von marschierenden Flüchtlingen, glauben wir, es ist ein nicht abreißender "Strom", der sich seinen Weg Richtung Deutschland bahnt. Dass der "Strom" sehr wohl abreißt, wird nicht gezeigt – denn wie soll man das in Bilder fassen? Ein leeres Feld als Symbol für die Abwesenheit des "Stromes" zeigen? So funktioniert Fernsehen nicht.
  • In Situationen wie derzeit in Brezice oder Spielberg verbreiten sich Gerüchte, positive wie negative, schnell – kaum vom einen ausgesprochen, erzählt sie die andere schon als vermeintliches Faktum weiter. Dabei weiß man nie, von wem sie stammen, warum sie vielleicht gestreut werden, um die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken – zum Beispiel auch mittels Fotomontagen. Deshalb ist jede Quelle und ihre Interessen zu hinterfragen.
  • Der Grundsatz, auf den jeglicher Umgang, auch berichterstattender, aufbaut, könnte sein: Den Menschen, die da kommen, ist menschlich zu begegnen. Das schlösse auch ein "Im Zweifel für den Angeklagten" ein. Die brennenden Zelte vergangene Woche in Brezice als von den Flüchtlingen in Brand gesteckt darzustellen ist unzulässig, weil es sich dabei um bloße Gerüchte (siehe oben) handelte und – sieht man die Zustände vor Ort – sich plausibel vorstellen kann: Den Menschen dort war kalt und ihr "Lagerfeuer" hat auf die Zelte übergegriffen.

Donnerstag, 6. August 2015

"Nochamal: Mein Gegenüber ist inkompetent"

Mit Frank Stronachs Einstieg in die österreichische Bundespolitik 2012, vielleicht aber auch schon davor, hat sich das Wörtchen "nocheinmal" in Interviews eingebürgert. Der Dreisilber ist suspekt. Denn mit seiner Hilfe schafft es der Befragte im Nu, den (journalistisch) Fragenden zu diskreditieren, suggeriert er doch: "Der Interviewer ist – à la 'Lernen S' Geschichte, Herr Redakteur' – einfach zu blöd, dem muss man alles zwei Mal erklären."

Geben Politiker heute Interviews, ist deren Informationsgehalt häufig nebensächlich. Stattdessen werden Rollen gespielt und Register gezogen, die dem Publikum viel eher Gefühle vermitteln als Inhalte. Die Leistung der Sprache, Verständnis herzustellen – was dem Wortsinn von Kommunikation entspräche: communicare (lat.) heißt mit jemandem etwas teilen oder jemandem etwas mitteilen – scheint wenig wichtig. Stattdessen geht es darum sich selbst (vor Publikum) möglichst gut darzustellen.

Das lässt sich kommunikationswissenschaftlich (vgl. Burkart 1998: 27f) analysieren. Passiert doch "kommunikatives Handeln" immer auf zwei Ebenen:
  • Die allgemeine Intention (die Mitteilung) zielt auf Verständigung ab.
  • Gleichzeitig zielt eine spezielle Intention (ein Interesse) auf die Verwirklichung dieses Interesses ab.
Als Beispiel nennt Burkart den Satz "Monika, bitte schließ das Fenster": Allgemein will der Sprecher sich mit Monika verständigen, aber er hat ein spezielles Interesse – "die störende Zugluft beseitigen zu wollen". Auf diese Art und Weise wird die Sprache instrumentalisiert, was für sie auch völlig normal ist. 

Im Fall von "nocheinmal" ist allerdings Folgendes kritisch: Wer "nocheinmal" sagt, versucht selten seinem Gegenüber den Inhalt erneut z. B. in anderen Worten zu erklären, um seinen Standpunkt deutlicher zu machen mit dem Ziel sich konstruktiv zu verständigen*. Viel eher verwendet er oder sie die Sprache zu einem manipulativen Zweck: Es wird suggeriert, dass das Gegenüber inkompetent sei/nicht verstehe/etc. und deshalb müsse man sich wiederholen. Diese Suggestion kommt auch bei jenen an, die wenig vom Inhalt der Unterhaltung verstehen oder mitbekommen.

Das Wort "nocheinmal" ist ein Signal, das – in Burkarts Sinn – in erster Linie einer Interessensverwirklichung dient (und nicht der Verständigung). Es suggeriert dem Publikum: Ich bin der Stärkere in diesem Gespräch. Das tun auch andere Signalwörter oder -phrasen. Zum Beispiel: Wird im Rahmen eines Interviews eine kritische Frage gestellt, sagt der Politiker darauf: "Das kann ich absolut konsequent und aufs Schärfste zurückweisend ausschließen". Warum sagt er nicht einfach "Das stimmt nicht"?
  1. Weil: "Obwohl die meisten Menschen glauben, sie seien denkende Geschöpfe, die fühlen, sind wir biologisch gesehen fühlende Kreaturen, die denken" (Taylor 2010: 30). Entsprechend haben wir ein sehr feines Gespür, was die sozialen Aktionen und Reaktionen unserer Mitmenschen angeht. Bleibt jemand trotz angriffiger Fragen ruhig und gefasst, kommt beim Publikum jedenfalls an: Der Angegriffene hat auf die Frage so reagiert als wäre der Angriff völlig aus der Luft gegriffen. Die Menschen bemerken viel stärker, ob jemand unsicher ist, als ob er eine Frage inhaltlich beantwortet (was mancher Interviewer zum Anlass nimmt, explizit auf die Nichtbeantwortung hinzuweisen, siehe z. B. hier Armin Wolf und Maria Fekter).
  2. Unterstützend wirkt hier eine bildhafte, bodenständige, personalisierte und klare Sprache, Formulierungen à la "für XY lege ich die Hand ins Feuer", "die Sache ist gegessen", "Schmutzkübelkampagne", "Trostpflaster" etc. Mit ausreichend affirmativen, also bestärkenden Worten lassen sich auch Unwahrheiten beglaubigen.
  3. Die menschliche Aufmerksamkeitsspanne, über die hinweg Information portionsweise erfasst werden kann, ist nur wenige Sekunden lang. Deshalb lernen Journalisten, ihre Sätze kurz zu halten. Politiker lernen, sie richtig zu formulieren: Da kommt das Wichtige zu Beginn.
Diese Aufzählung an Kritikpunkten ist bestimmt erweiterbar. Ich möchte damit zum Beobachten und Denken anregen. Und stelle die Hypothese auf: Gingen Politiker (und auch Journalisten) verantwortungsbewusster mit Sprache um und erklärten öfter "Verständigung" zum Ziel ihrer Unterhaltung, gewännen politische Debatten an Inhalt – was sich in der Folge positiv auf die Politikverdrossenheit auswirkte, aber das ist dann schon die nächste Hypothese.

* "Sich konstruktiv verständigen" schließt übrigens Konfrontation und Kontroverse keinesfalls aus – dabei geht es schließlich häufig um das Abgrenzen voneinander und das Verhandeln von Positionen, weit entfernt von Friede-Freude-Eierkuchen-Diskussionen. Eines aber ist dazu nötig: ein Eingehen aufeinander, d. h. etwa Argumente des anderen ernstzunehmen und miteinzubeziehen etc.

Quellen:
  • Burkart, Roland, 1998: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Wien: Böhlau.
  • Taylor, Jill B., 2010: Mit einem Schlag. München: Knaur.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Wenn Österreich gemanagt würde

Warum nicht einmal den Staat als Unternehmen denken? Wir wären die Mitarbeiter in diesem Betrieb, die Politiker wären seine Manager, die die Geschäfte führen und das Unternehmen strategisch lenken. Angenommen, dieser Betrieb hätte – eines Tages – neue Mitarbeiter fremder Herkunft zu integrieren, zum Beispiel, weil der Mutterkonzern sie "zu uns" versetzt oder das Unternehmen einen neuen Standort anderswo eröffnet. Wie würde die Unternehmensführung reagieren?

Sie würde alle von der Zusammenführung betroffenen Mitarbeiter oder jedenfalls deren Abteilungsleiter in Kurse für interkulturelle Kompetenz schicken. Sie müsste ein offenes Ohr für die Probleme, Konflikte und Zweifel haben, die höchstwahrscheinlich auftauchen oder die Mitarbeiter plagen – die neuen und die alten Kollegen.

Interkulturelle Kompetenz hat dabei weniger mit political correctness zu tun (die als oberflächliches Symptom eines schlechten Gewissens festlegen will, was als "gut" und was als "böse" abzustempeln ist) als mit: Respekt. Der geht darauf zurück, dass man auf den anderen "zurück-blickt", auf ihn Rücksicht nimmt, ihn anschaut. Respekt bringt man einander entgegen, kann ihn also nicht nur vom anderen erwarten, sondern schuldet ihn auch. Und er ist situationsabhängig, man muss sich in jeder Konfrontation neu um ihn bemühen. Um Missverständnisse zu vermeiden, geht es um simple Fragen wie: Was heißt Pünktlichkeit in der jeweiligen Kultur – muss ich zehn Minuten früher da sein oder wird mit meinem Zuspätkommen gerechnet? Wie geht man mit alten Menschen und Kindern um? Schaut man mich in der Mittagspause schief an, wenn ich mich bei Tisch schnäuze? Was ist unter Meinungs- und Pressefreiheit zu verstehen? Welche Formen der Partnerschaft sind gesellschaftlich akzeptiert und was bedeutet die Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Fragen wie diese müssten auf beiden Seiten thematisiert und beantwortet werden. Von wem? Vom Management – bzw. von vom Management engagierten Spezialisten. Diese könnten in Gemeinden Vermittlungsarbeit leisten, dort untergebrachten Migranten erklären, was der Konsens in diesem Land ist, und Einheimischen, aus welchen Umfeldern die Menschen kommen, die hier nun einquartiert sind, welche Traumata und Lasten sie mit sich schleppen – bestenfalls die beiden Gruppen auch zusammenbringen.

Ein solcher Prozess würde weder zu einer "Einheitskultur" führen, noch zu einer "Übervölkerung" oder dazu dass – auch das könnte eine besorgte oder provokante Frage sein – Österreicher Arabisch lernen müssen. Im Idealfall führte es zum besseren Verständnis des Gegenübers, des Anderen, der nun einmal anders ist (und das ist gut so!), zur Aufklärung von Vorurteilen. So wäre ein Zusammenleben und -arbeiten möglich, das dann auch im Unternehmenssinn Früchte trägt. Warum nicht von Willi Resetarits' Integrationshaus lernen? "Vor 21 Jahren haben wir die Bevölkerung rund ums Integrationshaus im Zweiten eingeladen, um ihnen zu erzählen, dass da in einem Jahr Flüchtlinge herkommen. Ein Sturm der Entrüstung ist uns entgegengeschwappt", erinnert sich Resetarits. "Wir haben dagegen geredet, ein Büro eingerichtet und die Leute eingeladen da jederzeit, auch während der Bauzeit, die Ängste zu deponieren. Als dann ein Jahr darauf die ersten Flüchtlinge eingezogen sind, haben es die Leut gar nicht gemerkt. Wie sie es gemerkt haben, haben sie begonnen, Sachen vorbeizubringen und zu helfen."

Donnerstag, 9. Juli 2015

Too much comfort will kill you

I've wasted so much time. I cooked potatoes though there were ready-to-eat ones at the supermarket. I drew a portrait though I could have just taken a picture with my mobile. Instead of having my flat cleaned I clean it myself. An article on the New Yorker's website on a book of American writer Matthew Crawford inspired me to think about all this wasted time. Because Crawford argues that this time is not wasted – quite the contrary:
"To be living and to be free [...] consists of 'skillfully engaging' with the obstacles and frustrations of reality, as when playing musical instruments, repairing engines, raising children, or sailing boats."
It takes a long time to learn how to play guitar; children cry, boats turn over and engines don't. In engaging with them, one has to cope with frustration. Finding the cause and solving the underlying problem is sometimes possible, sometimes simply not.
"Consider, for example, what it takes to sail a boat or play a guitar. Unlike an iPad or a luxury car, you cannot simply choose what you want to happen by pushing a button. I love to sail, but it can be a hard and sometimes frustrating experience – something always goes wrong. Guitars and sailboats clearly do not deliver freedom in the sense of a maximization of choice; you might even say that the guitar player or the sailor is constrained, or even trapped, for a sailboat will not sail upwind, and a guitar will not easily produce pleasing sounds. But, as Crawford points out, accepting such constraints and undertaking the mastery of demanding technologies is usually what ends up feeling worthwhile. No one asks to be buried with his iPad."
But does that mean that the more convenience we let enter our lives, the more we use parking assist systems, air conditioners, instant meals – the less we will be resistant to stress, heat and frustration?

Scarce comfort in Laos, 2012 (by PK).

Donnerstag, 2. Juli 2015

Wir Trockennasenaffen

In Diskussionen on- und offline sehe ich mich derzeit mit allerhand Migrationsmythen konfrontiert, etwa: Flüchtlinge kämen heute in nie dagewesenen Massen nach Europa, sich drückend vor Zuständen wie sie unsere Ur-/Groß-/Eltern im Nachkriegsösterreich auch geduldig ertragen hätten. Sie kämen und würden – Stichwort Kopftuch/Schächten/Minarett/etc. – "uns" "ihre" Kultur aufzwingen.

Ich habe mittlerweile schon Schwierigkeiten damit, derartige Äußerungen zu ertragen, geschweige denn geduldig. Warum? Betrachten wir den Menschen einmal als das, was er ist: ein Säugetier, Unterordnung Trockennasenaffe. Hans Jonas lädt uns ein, zu erkennen, dass die Mobilität, die Möglichkeit zur Bewegung, das ist, was Tier von Pflanze unterscheidet. Letztere muss permanent gespeist werden wovon sie lebt (sonst lebt sie bald nicht mehr), während wir uns auf die Suche danach begeben.

Das hat einen Vor- und einen Nachteil:
  • Wir haben die Wahl: Verschiedene Optionen der Lebensführung bieten sich an.
  • Gleichzeitig haben wir die Qual: Den richtigen Weg zu finden ist mit (lebensbedrohlichen) Risiken verbunden.
In der Ökonomie wird eine solche Situation "Zielkonflikt" genannt. Ideal wäre, die beiden gegenläufigen Einflüsse auszubalancieren: größtmöglicher Nutzen bei kleinstmöglichem Aufwand. An diesem Ideal bin ich – gemeinsam mit sehr vielen, die in ein friedliches Wohlstandseuropa geboren wurden – nahe dran: Wir sind in erster Linie mit den vielen Optionen beschäftigt, die uns das Leben bietet, z. B. kaufe ich laktosefreies oder nicht-laktosefreies Joghurt? Viele der rund 7,3 Milliarden Menschen, die diesen Planeten derzeit bewohnen, sind das weniger.

Sie müssen sich genau überlegen, was sie wofür aufs Spiel setzen, für sie steht das Risiko im Vordergrund – derzeit. Denn dieser Status ist nicht stabil: Ich könnte morgen lebensbedrohlich erkranken und meine Optionen würden sich stark verringern. Ein schwerer Unfall in einem der 131 Atomkraftwerke in Europa könnte den Kontinent unbewohnbar machen; die Flüchtlinge wären dann wir.

In jeder Situation gilt es einen Zielkonflikt abzuwägen: Zahlt es sich aus zu bleiben oder riskiere ich meine Existenz und ziehe fort? Die Ur-/Groß-/Eltern derer, mit denen ich nun spreche, haben sich offenbar für ersteres entschieden. Allerdings gab es auch 1,7 Mio. Österreicher, die Europa um 1900 Richtung Nordamerika verließen. Ihre Nachkommen könnten mir heute vielleicht erzählen, wie viel besser der Neubeginn in den USA oder Kanada war; sie sind nur nicht greifbar.

Die Entscheidung zu migrieren trifft jedes Individuum für sich. Und diese Entscheidung ist vielleicht weniger in der Religion*, Kultur** oder Nationalität*** eines Menschen begründet, als in seiner Biologie. Also kann sich jeder von uns Trockennasenaffen überlegen, wie er/sie reagieren würde, wäre die Zukunft im eigenen Lebensraum ungewiss.


* Dieser Vorwurf steckt im Vorurteil "Die Islamisierung Europas steht unmittelbar bevor!", doch kommen keine Missionare.
** Dieser Vorwurf steckt im Vorurteil "Die werden uns 'übervölkern'!", doch ist die Bevölkerungsgruppe, die den meisten Nachwuchs bekommt, die österreichische Bauernschaft.
*** Dieser Vorwurf steckt im Vorurteil "Die sind alle Vaterlandsverräter, weil sie nicht wie wir Trümmerfrauenkinder ihrem Land treu bleiben!", doch wird heute Menschen weltweit medial ein (westlicher) Lebensstil präsentiert, der für sie zum Symbol von Freiheit und Wohlstand wird und den sie deshalb für erstrebenswert halten.


Weiterführendes: